Die Vergessenen Helden der Schweiz

Die Vergessenen Helden der Schweiz

Im Namen der Arbeitsgemeinschaft Israel-Werke Schweiz / IWS begrüsse auch ich Sie alle herzlich zu unserer Gedenkfeier. Es ist für uns eine grosse Freude, dass dieser Anlass auf unsere Initiative hin zustande gekommen ist. Wir danken unserem engagierten Mitorganisator und Moderator Timotheus Bruderer für seinen grossen Einsatz.

Ich danke allen Rednern und Mitwirkenden für die Bereitschaft, mit uns der „vergessenen Helden“ aus der Zeit des Holocaust zu gedenken.
Wir tun es in Dankbarkeit, gemischt mit der Trauer um alle jene Todgeweihten, die vor unserem Land verschlossene Türen fanden.
Ich bitte Sie, im Gedenken an diese Menschen, die aller Hoffnung beraubt wurden, mit mir eine Minute zu schweigen.

(Vater, vergib uns unsere Schuld und erlöse uns von dem Bösen. Amen.)

Wir stellen Ihnen nun fünf herausragende Persönlichkeiten vor, die in jener finsteren Zeit wie helle Lichter der Menschlichkeit leuchteten. Neben diesen fünf Helden, gab es noch eine grosse Zahl von Schweizer Männern und Frauen, die im In- oder Ausland, oft auch an den Grenzen, vor allem jüdischen Verfolgten geholfen haben. Es waren Westschweizer, waren Katholiken, Grenzwächter, die nichts gesehen haben, Nonnen, die Verfolgte im Kloster versteckten, Private, die Kinder in einem Ferienheim in der Nähe der Schweizergrenze unterbrachten usw. Sie alle wollen wir als mutige Vorbilder wertschätzen und heute mit dieser Feier 70 Jahr nach Kriegsende ehren. Ihre Zivilcourage soll uns im aktuellen Kampf gegen alle Arten von Antisemitismus ermutigen.

Wir hören nun kurze Porträts von Carl Lutz, Paul Grüninger, Louis Häfliger, Gertrud Kurz und Paul Vogt, vorgetragen von Madeleine Neuenschwander und Christoph Meister. Wir danken Claire Glauser von der Organisation Reto für ihre Recherchen dazu.

Carl Lutz – der Schweizer Konsul

Carl Lutz stammte aus Walzenhausen. Mit 18 Jahren wanderte er nach Amerika aus, wo er 20 Jahre verbrachte. Während seines Studiums arbeitete er auf dem Schweizer Konsulat in Washington DC. Das war sein Einstieg in den diplomatischen Dienst. Dieser führte ihn 1935 nach Palästina, wo er erfolgreich die deutschen Interessen vertrat. 1942 wurde Vizekonsul Lutz nach Budapest versetzt, wo er bis Frühling 1945 die Schutzmachtabteilung der Schweizerischen Gesandtschaft leitete. Er vertrat die Interessen von zwölf kriegführenden Staaten, darunter auch die der USA und Grossbritanniens. Nach dem Einmarsch der Deutschen am 19. März 1944, als die Situation der ungarischen Juden gefährlich wurde, fühlte er, dass er handeln musste. Aus eigener Initiative und oft unter Lebensgefahr führte er die grösste aller Judenrettungsaktionen durch.
Er hat Zehntausende von Budapester Juden vor der Deportation in die Arbeits- und Vernichtungslager der Nationalsozialisten bewahrt. Konsul Lutz wurde 1964 als erster Schweizer von Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt, doch in der Schweiz – mit Ausnahme seiner Heimatgemeinde Walzenhausen, die ihn 1963 zum Ehrenbürger ernannte - erntete er für seine humanitäre Aktion wenig Dank, was ihn sehr geschmerzt hat. Ihm wurde vorgeworfen, seine Kompetenzen überschritten zu haben. Im Jahr 1958 hat der damalige Schweizer Justizminister Markus Feldmann, den mutigen Einsatz erstmals öffentlich erwähnt, doch richtig „rehabilitiert“ wurde Carl Lutz durch den Bundesrat erst am 7. Mai 1995, zwanzig Jahre nach seinem Tod, an der Feier zum 50-jährigen Kriegsende, als Bundespräsident Kaspar Villiger seine heroische Tat würdigte.

Paul Grüninger – der Polizeihauptmann

Nach dem Anschluss Österreichs ans Reich im März 1938 versuchten viele Flüchtlinge in die Schweiz zu fliehen. Paul Grüninger, der Polizeihauptmann von St. Gallen, förderte den Grenzübertritt von Flüchtlingen bei Diepoldsau und brachte sogar jüdische Flüchtlinge in seinem Dienstwagen von Bregenz über die Grenze. Wegen der Rheinkorrektur liegt Diepoldsau östlich des Rheins und man konnte zu Fuss durch den alten Rhein die Schweiz erreichen. In Diepoldsau wurde auch ein grosses Flüchtlingslager eröffnet. Grüninger beachtete die Anweisung vom Chef der Eidgenössischen Fremdenpolizei in Bern, Heinrich Rothmund, vom 4. Oktober 1938 nicht, Einwanderer aus Deutschland und Österreich mit einem J-Stempel im Pass (das bedeutete Jude) zurückzuweisen. Die Einreisedaten der Neueintreffenden wurden vordatiert und sie erhielten Aufenthaltsbewilligungen. 1939 wurde Grüninger vom Grossen Rat St. Gallens entlassen, 1940 verurteilt wegen Amtspflichtverletzung und Urkundenfälschung. Er hat 2000-3000 jüdische Menschen gerettet. Weshalb hat Grüninger es getan? Er war ein Sozialdemokrat und ein kirchlicher Mann, sein Motiv war Erbarmen mit den Flüchtlingen und Zorn über die Deutschen.
1994 wurde Paul Grüninger rehabilitiert.

Louis Häfliger – der Rotkreuzhelfer

Louis Häfliger war ein Bankbeamter aus Zürich. Im April 1945 übernahm er eine Mission als Delegierter für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, um einen Lebensmitteltransport in das Konzentrationslager Mauthausen, dem grössten Lager in Österreich zu begleiten. Er fuhr in seinem Privatauto mit und erfuhr in Mauthausen, dass die Deutschen Vorbereitungen trafen, die Lager zu sprengen und alle Insassen umzubringen. Nun entwickelte Häfliger Eigeninitiative, fuhr mit einem Wagen der amerikanischen Front entgegen und forderte zwei Autos, malte das Rotkreuzzeichen auf und fuhr in Mauthausen ein. Die Deutschen waren der Meinung, dass die Amerikaner angekommen wären und machten sich aus dem Staub. Mauthausen und die beiden dazugehörigen Lager Gusen (eines war eine Flugzeugfabrik), konnten kampflos übernommen werden.
Er rettete damit mindestens 40 000 Gefangenen das Leben.
Häfligers Eingreifen wurde vom Roten Kreuz nicht besonders geschätzt. Er wurde wegen mangelnder Neutralität gerügt und verlor auch seine Stelle in Zürich. Louis Häfliger verbrachte den Rest seines Lebens in Wien. Im 1990 wurde die Aktion von Louis Häfliger durch das IKRK richtig anerkannt und gewürdigt.

Paul Vogt – der Flüchtlingspfarrer

Paul Vogt war ein reformierter Pfarrer in Zürich-Seebach, der von 1943-47 als Flüchtlingspfarrer freigestellt war. Er führte den Flüchtlingsbatzen ein und hatte am Kriegsende 70 000 Adressen von Spendern. Anfangs sandte er die Flüchtlinge weiter nach England und Amerika, später etablierte er in der Schweiz eine Freiplatzaktion, um viele Flüchtlinge privat statt in Lagern unterzubringen. Seine Arbeit wurde von vielen dankbar anerkannt, von anderen heftig kritisiert. Paul Vogt machte weiter, klärte auf, predigte, schrieb unermüdlich und geisselte den „Virus des Antisemitismus“. Was er seinen Zeitgenossen ans Herz legte, würde er sicher auch uns sagen: „Wir haben gottverständige Menschen nötig, von Charakter, die nicht nach Amt und Titeln und Aktien haschen, sondern für Recht und Gerechtigkeit, für Wahrheit und Treue kämpfen – Menschen, die unbeugsam sind vor Tyrannen, doch demütig vor Gott!“

Gertrud Kurz – die „Flüchtlingsmutter“

Bereits als junge Frau begann sich Gertrud Kurz sozial zu engagieren. Ihr Haus am Berner Sandrain war Anlaufstelle für Aussenseiter jeglicher Art und wurde dadurch «zur Heimat für viele», wie es Gertrud Kurz später beschrieb. 1931 erhielt das humanitäre Engagement Gertrud Kurz eine internationale Dimension. Sie kam in Kontakt mit der französischen Friedensbewegung der Kreuzritter und wurde sechs Jahre später als Leiterin des Schweizer Zweiges. Nach der ‚Reichskristallnacht‘ im November 1938 trafen die ersten jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland in Bern ein. Gertrud Kurz erkannte, dass die Flüchtlinge Hilfe dringend benötigten und wurde aktiv. Unermüdlich und bedingungslos setzte sich Gertrud Kurz für die schnell wachsende Zahl der Notdürftigen ein. Als im Sommer 1942 der Bundesrat auf die vielen jüdischen Flüchtlinge mit einer massiven Rückweisungspraxis reagierte, traf Gertrud Kurz den damaligen Bundesrat und Vorsteher des eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements Eduard von Steiger, um auf die menschlichen Tragödien, welche der Entscheid zur Grenzschliessung verursachte, hinzuweisen. Gertrud Kurz zur damaligen Zeit: «Es galt, neben den gesteigerten täglichen Erschwernissen, welche die aussergewöhnliche Zeit mit sich brachte, spontan zu handeln, zu improvisieren und zu organisieren, andere zum Helfen zu motivieren. Gertrud Kurz hat die Autorität der Behörden nicht grundsätzlich in Frage gestellt, hat praxisnah argumentiert und immer wieder für Einzelschicksale gekämpft.